COME CLOSER


5-Kanal-Videoinstallation

2023

8:37 Min.





Your dreams are my dreams

I never let you down

We are the people

We must not be timid or meek

Let's stay together 

We are not all the same

We are the good ones

And I'm one of you



Die Videoarbeit COME CLOSER ist als 5-Kanal-Videoinstallation konzipiert, die aus animierten Fotografien von Masken aus unterschiedlichen Karnevalsshops besteht. In einem digital realisierten Stop-Motion-Verfahren werden die Motive auf mehreren Bildebenen in Bewegung versetzt; die Animation bleibt dabei sichtbar als Konstrukt, als Arbeit am Einzelbild, und imitiert zugleich den zeitaufwendigen Rhythmus analoger Stop-Motion-Produktion. 

Formal knüpft die Installation an ikonografische und mythische Figuren der Verführung und Abschreckung an: das Haupt der Gorgo-Medusa als Blickmaschine, die fixiert und versteinert, und die Sirenen als Stimmen, die durch Klang und Versprechen anziehen. In diesem Spannungsfeld operiert COME CLOSER als zerrissener Popsong, dessen Dramaturgie den Bauprinzipien populistischer Rede folgt: der Herstellung eines Wir, der Erzeugung von Nähe, der Behauptung eines gemeinsamen Begehrens.

 

Die Texte, die von den „Sirenen“ gesungen werden, beginnen als scheinbar harmlose Liebesfloskeln – vertraute, glatt polierte Formeln der Zuwendung. Früh wird damit ein affektives Einverständnis hergestellt: Das Publikum wird nicht überzeugt, sondern in eine Stimmung versetzt. Schrittweise mischen sich Tweets, Slogans und Satzfragmente aus populistischen Reden in diese Sprache der Intimität; die Übergänge bleiben bewusst porös, sodass nicht sofort unterscheidbar ist, wann das Private ins Politische kippt. Ein zentraler Mechanismus ist dabei die Umcodierung einer politischen Behauptung in ein popkompatibles Begehren: Aus dem Satz „Er will, was wir wollen“ (Wahlkampf-Slogan eines FPÖ-Politikers) wird „I want what you want“. Das Versprechen von Repräsentation erscheint plötzlich als Liebeserklärung – Nähe als politische Methode.

 

COME CLOSER interessiert sich damit für die Techniken populistischer Verführung: die Arbeit mit Wiederholung und Hookline, die scheinbar direkte Ansprache, das Angebot einer einfachen Übereinstimmung („ich/er/sie“ will „das Gleiche“ wie „wir“), die Verschiebung von Argumenten in Affekte. Populistische Rhetorik wird als performatives Arrangement sichtbar, das weniger Inhalte ausformuliert als Zustimmung organisiert: durch Identifikationsangebote und das Anlegen eines gemeinsamen Tons. Die Liebesfloskel fungiert hier als Vehikel einer „guten Absicht“, die nicht begründet werden muss – sie wird gesungen, nicht argumentiert.

 

Im Verlauf der Installation kippt diese anfängliche Vertrautheit in ein demagogisches, inhaltsarmes Konstrukt. Was zunächst wie Nähe klingt, verdichtet sich zu einer Rhetorik der Einforderung: Nähe wird zur Vereinnahmung, das „Wir“ zur Disziplinierung, die Stimme zur Maske. Die Masken – ursprünglich Waren aus dem Karneval, also Objekte des temporären Rollenwechsels – werden so zu Trägern einer Sprache, die Authentizität behauptet, während sie Identität gerade als Effekt von Wiederholung und Manipulation produziert. COME CLOSER setzt dem nicht den „wahren“ Inhalt entgegen, sondern legt die Mechanik offen: wie Verführung gebaut ist, wie Zustimmung musikalisch und sprachlich choreografiert wird – und wie schnell das Versprechen von Intimität in eine Politik der Affekte umschlagen kann.

CREDITS

Regie, Animation, Konzept: Magdalena von Rudy 

Musik: Michael Roemer

Gesang: Anja Eder, Emmanuel Hoisl, Nelly Köster, Christiane Rittner, Michael Roemer, Magdalena von Rudy

Tonmischung: Emmanuel Hoisl

 

 

Gefördert durch den Deutschen Künstlerbund e.V. im Rahmen von Neustart Kultur.